Bitkom 2026: 57 Prozent nutzen KI – die Kosten liegen woanders als vermutet
Am 14. September 2026 hat der Digitalverband Bitkom eine Zahl vorgestellt, die es so noch nicht gab: Erstmals nutzt die Mehrheit der deutschen Unternehmen Künstliche Intelligenz. Wer das als Bestätigung liest, dass man selbst zu spät dran ist, sollte den Rest der Erhebung lesen, bevor er daraus Schlüsse für das eigene Budget zieht. Denn dieselbe Befragung zeigt zwei Dinge, die selten zusammen zitiert werden: Fast neun von zehn Anwendern haben von dem, was KI leisten könnte, noch kaum etwas abgerufen – und die Kosten, die dabei entstehen, kommen überwiegend nicht aus der Softwarelizenz, sondern aus Arbeit, die vor und nach dem eigentlichen KI-Einsatz liegt.
Dieser Beitrag ordnet die aktuellen Zahlen ein und zeigt, was daraus für eine realistische Investitionsplanung im Mittelstand folgt.
TL;DR
- Laut der Bitkom-Erhebung unter 603 Unternehmen (öffnet in neuem Tab) ab 20 Beschäftigten nutzen 57 Prozent bereits KI – 2025 waren es 36 Prozent, 2024 erst 20 Prozent.
- Trotzdem geben laut derselben Erhebung 87 Prozent der Anwender (öffnet in neuem Tab) an, das Potenzial von KI nicht auszuschöpfen; kein einziges Unternehmen schöpft es vollständig aus.
- Größter Kostenfaktor ist laut Bitkom mit 51 Prozent die Infrastruktur (Cloud, Rechenleistung), dicht gefolgt von der Datenaufbereitung mit 50 Prozent. Lizenzen für KI-Software nennen nur 21 Prozent als großen Kostenpunkt.
- Die Kritik am AI Act wächst: 66 Prozent der Befragten sehen darin mehr Nachteile als Vorteile für deutsche Unternehmen, im Vorjahr waren es 56 Prozent.
Der Sprung von 20 auf 57 Prozent
Grundlage der Zahlen ist eine repräsentative Bitkom-Befragung (öffnet in neuem Tab), für die Bitkom Research zwischen der 28. und 33. Kalenderwoche 2026 insgesamt 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten telefonisch befragt hat. Der Trend, den die Zahlen zeigen, ist eindeutig: 2024 nutzten 20 Prozent der Unternehmen KI, 2025 waren es 36 Prozent, jetzt 57 Prozent. Weitere 38 Prozent planen den Einsatz oder diskutieren ihn zumindest. Für nur noch 4 Prozent ist das Thema laut eigener Aussage kein Thema mehr.
Auffällig ist auch, wo sich der Einsatz verschiebt. Am häufigsten bleibt der Kundenkontakt der erste Berührungspunkt, den 72 Prozent der Anwender (öffnet in neuem Tab) nennen, gefolgt von Marketing und Kommunikation mit 54 Prozent. Deutlich zugelegt hat KI aber in Bereichen, die tiefer in die Organisation eingreifen: Controlling und Rechnungswesen (25 Prozent, gegenüber 17 Prozent im Vorjahr), internes Wissensmanagement (22 Prozent, gegenüber 11 Prozent) und Produktionsabläufe (22 Prozent). KI bewegt sich also von der Oberfläche – dort, wo Kunden sie direkt bemerken – in die Prozesse, die das Tagesgeschäft eines Betriebs tatsächlich ausmachen.
Warum 87 Prozent trotzdem am Anfang stehen
Der eigentlich interessante Befund liegt aber nicht in der Nutzungsquote, sondern in der Selbsteinschätzung der Nutzer. Nach eigenen Angaben schöpfen 59 Prozent der KI-Anwender das Potenzial der Technologie überhaupt nicht aus (öffnet in neuem Tab), weitere 28 Prozent nur wenig. Lediglich 3 Prozent sehen sich als starke Ausschöpfer, kein einziges Unternehmen gibt an, das Potenzial vollständig zu nutzen. In der Bitkom-Präsentation wird daraus die Kennzahl gebildet, die den Punkt auf den Punkt bringt: 87 Prozent der Anwender schöpfen das Potenzial von KI nicht aus – über alle Unternehmensgrößen hinweg nahezu gleich verteilt, von kleineren Betrieben mit 20 bis 99 Beschäftigten (87 Prozent) bis zu Unternehmen ab 500 Beschäftigten (87 Prozent).
Das deckt sich mit einem Muster, das sich schon in unserem Vergleich der Bitkom-, Destatis- und KfW-Zahlen gezeigt hat: Die Einstiegshürde ist gesunken, aber der Weg von der ersten Anwendung zum tatsächlichen Geschäftsnutzen ist ein anderer, deutlich längerer Prozess. Wer jetzt anfängt, holt technisch schnell auf – strategisch beginnt die eigentliche Arbeit erst danach.
Der teure Irrtum: Es ist nicht die Lizenz
Für die Budgetplanung ist eine andere Zahl aus derselben Erhebung wichtiger als die Nutzungsquote. Bitkom hat gefragt, wofür in den Unternehmen tatsächlich Kosten im Zusammenhang mit KI entstehen – und das Ergebnis widerspricht der verbreiteten Annahme, KI sei vor allem eine Frage der richtigen Lizenz.
51 Prozent der Anwender nennen Infrastruktur wie Cloud-Dienste und Rechenleistung als großen Kostenpunkt (öffnet in neuem Tab), 50 Prozent die Aufbereitung von Daten. 41 Prozent nennen die Integration in bestehende Systeme als großen Kostenfaktor. Lizenzen und Abos für KI-Tools dagegen stufen nur 21 Prozent als großen Kostenpunkt ein – zählt man auch die Unternehmen mit ein, für die es ein kleinerer Posten ist, kommen Lizenzen insgesamt sogar auf einen ähnlichen Anteil wie Infrastruktur und Daten, aber eben überwiegend als kleiner statt großer Kostenblock.
Diese Reihenfolge erklärt einen Effekt, den viele Unternehmen erst im laufenden Projekt bemerken: Das Sprachmodell selbst kostet vergleichsweise wenig. Was Budget frisst, ist die Arbeit davor – Daten aus verschiedenen Systemen zusammenführen, bereinigen und in eine Form bringen, mit der ein Modell überhaupt sinnvoll arbeiten kann – und die Arbeit danach, nämlich das Ergebnis an bestehende Software wie ERP, CRM oder Buchhaltung anzubinden, statt es als isolierte Insellösung stehen zu lassen. Wer ein KI-Budget ausschließlich für Token oder Lizenzgebühren plant, hat damit erfahrungsgemäß den kleineren Teil der Rechnung im Blick.
Bei den laufenden Ausgaben zeigt sich, dass dieses Kostenbild nicht abnimmt: 45 Prozent der befragten Unternehmen wollen 2026 mehr für KI ausgeben als im Vorjahr, die Hälfte plant unveränderte Budgets, nur 3 Prozent wollen kürzen.
Wachsende Kritik am AI Act – bei unveränderter Rechtslage
Parallel zur steigenden Nutzung wächst laut Bitkom auch der Unmut über die europäische Regulierung. 37 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, als Anwender vom AI Act betroffen zu sein (2025: 23 Prozent), weitere 34 Prozent prüfen das noch. Unter den Betroffenen und Prüfenden rechnen 89 Prozent mit hohem bis sehr hohem Umsetzungsaufwand. Insgesamt sehen 66 Prozent der Befragten im AI Act mehr Nachteile als Vorteile (öffnet in neuem Tab) für deutsche Unternehmen – ein deutlicher Anstieg gegenüber 56 Prozent im Vorjahr.
Wichtig für die Einordnung: Diese Kritik betrifft die gefühlte Belastung, nicht die aktuelle Rechtslage. Wie wir in unserem Beitrag zum Digital Omnibus on AI beschrieben haben, wurden die Pflichten für Hochrisiko-KI-Systeme im Sommer 2026 bereits um bis zu 16 Monate verschoben. Die wachsende Kritik in der Bitkom-Umfrage bezieht sich also auf einen ohnehin schon entschärften Zeitplan – was zeigt, dass die Unsicherheit im Mittelstand eher aus mangelnder Klarheit über die eigene Betroffenheit entsteht als aus der Härte der Regeln selbst. Im Schnitt schätzen die betroffenen Unternehmen, dass 2,1 ihrer KI-Systeme in die Hochrisikoklasse fallen könnten – ein Anstieg gegenüber 1,5 im Vorjahr.
Zwischen Wettbewerbsvorteil und Existenzangst
Die Stimmungslage in der Erhebung ist auffällig zwiegespalten. Auf der einen Seite sehen zwei Drittel der Anwender ihre Wettbewerbsposition durch KI verbessert, 48 Prozent berichten von deutlich schnelleren internen Prozessen, 45 Prozent von einem messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg. 91 Prozent aller Befragten halten KI für die wichtigste Zukunftstechnologie – der höchste gemessene Wert seit Beginn der Erhebung.
Auf der anderen Seite wächst eine Sorge, die sich nicht mit besseren Kennzahlen erklären lässt: 34 Prozent der Unternehmen befürchten (öffnet in neuem Tab), dass KI die Existenz des eigenen Unternehmens gefährden könnte – 2025 waren es erst 23 Prozent. Gleichzeitig glauben 61 Prozent, dass Unternehmen ohne KI-Nutzung keine Zukunft mehr haben, gegenüber 51 Prozent im Vorjahr. Ein Drittel der Anwender gibt sogar offen zu, vor allem aus Angst vor dem Anschlussverlust in KI eingestiegen zu sein – nicht aus einem konkreten Business Case heraus. Genau diese Gemengelage aus Termindruck und diffuser Sorge ist häufig der Grund, warum Projekte ohne klaren Anwendungsfall starten und dann an genau den Kostenblöcken hängen bleiben, die Bitkom als größte Treiber identifiziert hat.
Was das für Ihre Investitionsplanung bedeutet
Drei Punkte lassen sich aus der Erhebung für die eigene Planung ableiten, unabhängig davon, ob Ihr Unternehmen bereits zu den 57 Prozent gehört oder noch zu den 38 Prozent, die den Einsatz planen oder diskutieren.
Budgetieren Sie Daten und Integration, nicht nur das Modell. Wenn laut Bitkom 93 Prozent der Anwender Datenaufbereitung (öffnet in neuem Tab) überhaupt als Kostenfaktor nennen (groß oder klein) und 83 Prozent die Integration in bestehende Systeme, sollte ein realistisches KI-Budget diese Posten von Anfang an einplanen – nicht als Überraschung nach dem ersten Piloten.
Ein Pilot ohne Anschluss an bestehende Systeme bleibt ein Pilot. Die 87 Prozent, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen, sind überwiegend keine Unternehmen ohne KI-Erfahrung, sondern solche, die KI isoliert einsetzen, statt sie an Buchhaltung, CRM oder Warenwirtschaft anzubinden. Genau an dieser Anbindung entscheidet sich, ob aus einem Testlauf ein Prozess wird, der tatsächlich Zeit spart.
Regulatorische Unsicherheit ist kein Grund zu warten, aber ein Grund zu prüfen. Die wachsende Kritik am AI Act betrifft überwiegend Unternehmen, die ihre eigene Betroffenheit noch nicht geklärt haben. Eine nüchterne Einstufung, welche der eigenen Systeme überhaupt als hochriskant gelten könnten, lässt sich unabhängig vom politischen Zeitplan klären – und nimmt dem Thema die diffuse Bedrohlichkeit, die in den Zahlen sichtbar wird.
Die Bitkom-Zahlen für 2026 zeigen kein Unternehmen, das zu spät dran ist, wenn es KI noch nicht flächendeckend einsetzt. Sie zeigen vor allem, dass die Mehrheit der Vorreiter selbst noch nicht dort angekommen ist, wo sie hinwollte – und dass sich das Budget eher in Daten und Anbindung entscheidet als in der Wahl des Sprachmodells.
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