KI-Nutzung im Mittelstand: 20, 26 oder 48 Prozent – wer hat recht?
Wer sich als Geschäftsführerin oder Geschäftsführer eines mittelständischen Betriebs derzeit über KI-Nutzung informiert, stößt auf drei Zahlen, die sich kaum vereinbaren lassen: 48 Prozent, 26 Prozent, 20 Prozent. Alle drei stammen aus seriösen Quellen, alle drei beziehen sich auf deutsche Unternehmen, und alle drei sind aktuell. Trotzdem sagen sie nicht dasselbe – und wer die falsche Zahl als Vergleichsmaßstab nimmt, zieht daraus die falschen Schlüsse für die eigene Digitalisierungsstrategie.
Dieser Beitrag ordnet die drei Erhebungen ein, erklärt, warum sie auseinanderlaufen, und zeigt, welche Zahl für welche Unternehmensgröße überhaupt aussagekräftig ist.
TL;DR
- Laut einer Erhebung von Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom (öffnet in neuem Tab) nutzen 48 Prozent der befragten Unternehmen ab 20 Beschäftigten bereits KI, 41 Prozent planen den Einsatz.
- Laut der amtlichen IKT-Erhebung des Statistischen Bundesamts (öffnet in neuem Tab) nutzten 2025 rund 26 Prozent aller Unternehmen in Deutschland KI.
- Laut KfW Research (öffnet in neuem Tab) lag die KI-Nutzung im Mittelstand zwischen 2022 und 2024 bei nur 20 Prozent, hochgerechnet rund 780.000 Unternehmen.
- Der Unterschied liegt nicht am Thema, sondern an Stichprobe, Erhebungszeitraum und Unternehmensgröße – wer sich mit der eigenen Firma vergleichen will, muss die passende Zahl wählen, nicht die griffigste.
Drei Erhebungen, drei unterschiedliche Fragen
Fangen wir mit den Fakten an, bevor wir sie einordnen.
Die höchste Zahl liefert der Digitalverband Bitkom (öffnet in neuem Tab). Grundlage ist eine Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Verbands durchgeführt hat: 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten wurden in den Kalenderwochen 2 bis 6 des Jahres 2026 telefonisch und nach eigenen Angaben repräsentativ befragt. Das Ergebnis: 48 Prozent nutzen KI bereits, weitere 41 Prozent planen den Einsatz – zusammen also fast neun von zehn befragten Unternehmen.
Die mittlere Zahl kommt vom Statistischen Bundesamt (öffnet in neuem Tab). Die IKT-Erhebung ist eine jährliche, mit Eurostat harmonisierte amtliche Statistik, die – anders als die Bitkom-Umfrage – auch kleinere Unternehmen ab 10 Beschäftigten einschließt. Für das Berichtsjahr 2025 kommt Destatis auf 26 Prozent KI-Nutzung über alle Größenklassen hinweg, mit einer deutlichen Spreizung: 57 Prozent bei Unternehmen ab 250 Beschäftigten, 36 Prozent bei Unternehmen mit 50 bis 249 Beschäftigten und 23 Prozent bei Unternehmen mit 10 bis 49 Beschäftigten.
Die niedrigste Zahl stammt von KfW Research (öffnet in neuem Tab), veröffentlicht als Sonderauswertung des KfW-Mittelstandspanels. Hier wird nicht ein einzelnes Berichtsjahr, sondern der Zeitraum 2022 bis 2024 gemittelt: 20 Prozent der mittelständischen Unternehmen nutzten in diesem Fenster KI, das entspricht laut KfW rund 780.000 Betrieben. Zum Vergleich: Zwischen 2016 und 2018 waren es erst 4 Prozent – eine Verfünffachung in sechs Jahren. Die KfW-Stichprobe reicht dabei bis zu Kleinstunternehmen mit unter fünf Beschäftigten herunter, die dort mit 19 Prozent immerhin fast so hoch liegen wie der Gesamtdurchschnitt.
Warum die Zahlen auseinanderlaufen
Drei Studien, drei valide Ergebnisse – der Widerspruch löst sich auf, sobald man genau hinschaut, wen sie jeweils befragt haben und wann.
Erstens die Grundgesamtheit. Bitkom befragt ausschließlich Unternehmen ab 20 Beschäftigten – kleine Kapazitäten mit weniger Personal fallen komplett heraus. Destatis und KfW schließen deutlich kleinere Betriebe mit ein, und genau in dieser Gruppe ist die KI-Nutzung naturgemäß niedriger. Ein Durchschnittswert, der kleine Betriebe ausklammert, liegt also systematisch höher als einer, der sie einschließt.
Zweitens der Erhebungszeitraum. Die Bitkom-Zahl bildet den Stand Anfang 2026 ab – die aktuellste der drei Momentaufnahmen. Destatis misst das Berichtsjahr 2025. Die KfW-Zahl dagegen ist ein Durchschnitt über die Jahre 2022 bis 2024 und liegt damit bewusst zurück, um saisonale und einmalige Ausschläge zu glätten. Bei einem Thema, das sich – wie die KfW selbst schreibt – innerhalb weniger Jahre verfünffacht hat, macht ein Rückstand von ein bis zwei Jahren einen erheblichen Unterschied.
Drittens die Fragestellung selbst. Eine telefonische Verbandsumfrage wie die von Bitkom fragt tendenziell offener nach „Beschäftigung mit dem Thema KI", während amtliche Erhebungen wie die von Destatis präziser nach dem tatsächlichen Einsatz bestimmter Technologien fragen. Das erklärt, warum die Bitkom-Zahl für vergleichbare Größenklassen tendenziell höher ausfällt als die von Destatis oder der KfW.
Für Ihre eigene Einordnung heißt das: Die für Sie relevante Zahl ist nicht die höchste oder die meistzitierte, sondern die, deren Stichprobe zu Ihrer Unternehmensgröße passt.
Was in allen drei Erhebungen gleich ist: Größe entscheidet
So unterschiedlich die absoluten Werte sind – ein Muster zieht sich durch alle drei Studien: Je größer das Unternehmen, desto höher die KI-Nutzung, und der Abstand zwischen den Größenklassen ist erheblich.
Bei Destatis liegt die Spanne zwischen 23 Prozent (10 bis 49 Beschäftigte) und 57 Prozent (ab 250 Beschäftigte) – mehr als das Doppelte. Bei der KfW zeigt sich dasselbe Bild: 19 Prozent bei Kleinstunternehmen unter fünf Beschäftigten gegenüber 36 Prozent bei Unternehmen ab 50 Beschäftigten. Die KfW nennt außerdem zwei Faktoren, die die Nutzungswahrscheinlichkeit unabhängig von der reinen Größe erhöhen: Wer eigene Forschung und Entwicklung betreibt, nutzt laut KfW zu 53 Prozent KI – fast dreimal so häufig wie Unternehmen ohne FuE. Und international tätige Unternehmen setzen laut KfW etwa doppelt so oft KI ein wie Betriebe, die ihren Absatzmarkt auf einen Umkreis von 50 Kilometern um den eigenen Standort beschränken.
Auch bei den Branchen zeigt sich ein konsistentes Bild: Die KfW sieht wissensbasierte Dienstleistungen wie Werbung, Marktforschung und Unternehmensberatung mit 28 Prozent vorn, das Baugewerbe mit 8 Prozent deutlich zurück. Wenig überraschend – Branchen, die ohnehin mit Text, Daten und Recherche arbeiten, finden in aktuellen KI-Werkzeugen den unmittelbarsten Nutzen.
Woran es bei den Nicht-Nutzern hakt
Besonders aufschlussreich ist, was Destatis die Unternehmen gefragt hat, die noch keine KI einsetzen. Von diesen hatte laut Destatis (öffnet in neuem Tab) immerhin jedes fünfte Unternehmen (20 Prozent) den Einsatz bereits in Erwägung gezogen. Nach den Gründen für den Verzicht gefragt, nannten die Befragten in dieser Reihenfolge: fehlendes Wissen (72 Prozent), Unklarheit über die rechtlichen Folgen (62 Prozent), Bedenken beim Datenschutz (60 Prozent), Inkompatibilität mit vorhandenen Systemen (45 Prozent), Probleme mit Datenverfügbarkeit oder -qualität (44 Prozent), Kosten (32 Prozent) und ethische Überlegungen (23 Prozent). 18 Prozent der Nicht-Nutzer halten KI für ihr Geschäft schlicht für nicht sinnvoll.
Diese Reihenfolge ist bemerkenswert, weil sie eine verbreitete Annahme widerlegt: Nicht die Kosten sind die größte Hürde, sondern fehlendes Wissen im Haus und Unsicherheit über rechtliche Rahmenbedingungen. Das sind Hürden, die sich nicht mit einem größeren Budget lösen lassen, sondern mit gezielter Weiterbildung und einer klaren Vorstellung davon, wofür KI im eigenen Betrieb überhaupt eingesetzt werden soll – bevor über Lizenzen oder Anbieter gesprochen wird.
Was das für Ihre Einordnung bedeutet
Drei Konsequenzen lassen sich aus dem Vergleich ableiten, unabhängig davon, welche der drei Zahlen Ihnen zuerst begegnet ist.
Vergleichen Sie sich mit Ihrer Größenklasse, nicht mit der Schlagzeile. Wenn Sie ein Unternehmen mit 30 Beschäftigten führen, ist die Bitkom-Zahl von 48 Prozent kein realistischer Vergleichsmaßstab – sie bezieht sich auf eine Stichprobe, die grundsätzlich größere Firmen bevorzugt. Die Destatis-Zahl von 23 Prozent für Unternehmen zwischen 10 und 49 Beschäftigten liegt näher an Ihrer tatsächlichen Vergleichsgruppe.
Nutzen Sie die Wachstumsrate, nicht nur den Stand. Die KfW zeigt eine Verfünffachung von 4 auf 20 Prozent innerhalb von sechs Jahren. Selbst wenn der aktuelle Stand in Ihrer Größenklasse noch niedrig ist, ist die Richtung eindeutig – und das Tempo hoch genug, dass ein später Einstieg den Rückstand vergrößert statt verkleinert.
Adressieren Sie zuerst die Hürde, die Destatis am häufigsten nennt. Fehlendes Wissen im eigenen Haus schlägt Kosten und Technik als Hemmnis. Bevor Sie ein KI-Budget freigeben, lohnt sich die Frage, ob im Team überhaupt jemand versteht, wo ein konkreter Anwendungsfall anfängt und wo seine Grenzen liegen – unabhängig davon, welches Werkzeug am Ende zum Einsatz kommt.
Die drei Studien widersprechen sich nicht, weil eine von ihnen falschliegt. Sie beschreiben unterschiedliche Ausschnitte derselben Entwicklung. Wer die passende Zahl für die eigene Unternehmensgröße kennt, kann die eigene Position realistisch einschätzen – statt sich an der lautesten Schlagzeile zu orientieren.
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